Hallo!

11.2.2020

Ich habe es geschafft bis Beijing Bahnhof Süd, aber mein Zug fällt aus. Der nächste fährt vier Stunden später, Pech.

Die ganze Stadt sieht aus wie ein Videospiel der Apocalypse. Die Sonne schafft es nur so halb durch den Smog durch, daher sieht alles etwas farblos aus. Es gibt Unmengen an riesigen glänzenden Gebäuden und achtspurigen Straßen, aber nur vereinzelt ein paar Autos. Von den paar Leuten, die auf der Strasse sind, tragen alle Mundschutz, viele auch Schutzbrillen und Handschuhe. Am Bahnhof war ein Typ in Uniform dabei mit einer Sprühflasche alle paar Meter irgendwas auf den Boden zu spritzen. Ich kann mir nicht vorstellen dass das irgendwas bringt.

Jetzt muss ich noch etwas zu essen finden und die Abfahrt des Zuges nicht verschlafen...

14.2.2020

Ich hab's geschafft. Also, eigentlich bin ich schon Dienstag Abend angekommen (11.2.2020), aber es war alles ein bisschen gewöhnungsbedürftig.

Etwa 25 km von der Stadt, Tengzhou Koordinaten: 34.876670,117.262158 (weiss nicht ob das stimmt, aber es liegt neben Wasser, also wahrscheinlich schon?)

Die Schule war umgezogen weil ihr letztes Gebäude wegen einem Stromadapter abgebrannt war. Daher ist hier noch alles im Aufbau. Das Grundstück selber ist schön, direkt neben einem See mit Ziermauern und so. Allerdings ist alles ein bisschen heruntergekommen und dreckig. Es gibt eine einzige launische Dusche für alle, zum Glück sind wir im Moment nur acht Schüler. Der Wasserdruck der Dusche ist ungefähr äquivalent zu einem Hund der im Schlaf sabbert, wobei das wahrscheinlich wärmer wäre.



Die Zimmer sind unbeheizt, was Sinn macht, denn das Gebäude hat Vorhänge anstatt von Türen. Ab und zu ist die Elektrizität weg, dann gibt auch kein Trinkwasser da der Filter nicht läuft. Meistens kommt der Strom aber noch am gleichen Tag wieder. Immerhin gibt es genug Decken, so dass ich bis jetzt in der Nacht noch nicht gefroren habe. Morgen soll es -7°C werden, mal schauen wie das dann ist...



Essen ist super lecker, könnte aber mehr sein. Zum Frühstück gibt es ein gekochtes (?!) Brötchen und manchmal noch ein Ei dazu. Mittags und abends gibt es jeweils Reis mit verschiedenem Gemüse dazu. Jeder nimmt sich selber aus den Töpfen in der Mitte, es bleibt nie etwas übrig.



Das Training ist auch gut, wobei ich fast noch mehr erwartet hatte. Es gibt eine Turnhalle aus Wellblech wo der gesamte Boden aus gepolstertem Gummi besteht, und einen Innenhof zum Trainieren. Ich habe angefangen Kung Fu Formen zu lernen, Qi Gong (eher langweilig), Akrobatik (bis jetzt für mich nur Rad schlagen) und ganz ganz viel Dehnen. Vielleicht kann ich in zwei Monaten Spagat?

 

15.2.2020

Ich will ja nicht sagen dass es kalt ist, aber ich habe im Aufenthaltsraum einen Eisbären getroffen. Nicht zu sehen: PET-Flasche mit heissem Wasser gefüllt funktioniert als Wärmflasche im Schlafsack.

Bleiben will ich bis 12.4.2020, dann noch drei Tage in Beijing. Reparieren würde ich hier gerne. Nur für die wichtigen Sachen fehlt mir das Fachwissen und Werkzeug. Mein Internet will gerade nicht so wie ich denn will, die VPN geht seit gestern nicht mehr. Der Blog wollte nicht so recht laden, irgendwann habe ich aufgegeben. Heute ist über Nacht Schnee gefallen. Im Bett ist es weiterhin schön warm, aber duschen werde ich nicht. Ab Montag soll es wieder wärmer werden, 10-15 °C.
Seit drei Wochen durften die Schüler wegen dem Virus nicht mehr am Wochenende in die Stadt. Alle dachten ab heute wäre die Quarantäne aufgehoben, aber stattdessen wurde sie um mindestens zwei Wochen verlängert. Mich stört es nicht, ich bin ja erst seit ein paar Tagen hier, aber die anderen haben seit fast einem Monat nichts außer Reis und Gemüse gegessen und kriegen langsam einen Hüttenkoller.

 

17.2.2020

Ich schlafe in langen Hosen, dicken Socken, T-Shirts, Pulli und Schal, aber bis jetzt noch ohne Mütze. Es ist zwar unanständig kalt, aber schön sonnig, also sitze ich meistens mit meinem Schlafsack draussen und lese. Ich habe angefangen Chinesisch zu lernen, aber es geht deutlich langsamer als bei anderen Sprachen. Es gibt einen circa vierjährigen Jungen der hier herumläuft, und ich kann ihn immer noch nicht fragen wie er heißt.


Heute habe ich das erste mal warm geduscht! Der Kanadier hat mir erklärt wie man aus der Dusche warmes Wasser rauskriegt: Erst das Wasser öffnen, dann die Wasserheizung einschalten, dann das Wasser läppern lassen bis es ganz versiegt, dann das Klo spülen damit die Wasserpumpe neu anläuft, und dann fängt irgendwann warmes Wasser an zu laufen. Allerdings hatte er vergessen zu erwähnen, dass man den Heizer wieder ausstellen muss, sonst heizt es immer weiter. Die hilfreiche Temperaturanzeige (die sonst immer auf 4-10°C steht) hat mir dann erklärt dass ich mich mit 61°C heißem Wasser verbrüht habe. Also fürs nächste Mal: wenn das Wasser warm ist, Heizer abstellen bis es zu kalt wird, und dann wieder anstellen.
Das Problem mit dem Internet ist nicht spezifisch für mich, sondern China-weit. Ab und zu blockt die Regierung die VPN Anbieter, und dann dauert es ein paar Tage (Wochen?) bis die Anbieter alles wieder neu routen und alles wieder verfügbar ist. Alle anderen hier haben das Problem auch. Ansonsten kann ich immer noch weder wie ein Ninja an der Decke herumklettern noch einen Spagat machen, aber ich bin ja noch keine Woche hier.

Sonstige Höhepunkte der letzten Tage: Ich habe es geschafft rohe Möhrenscheibchen mit Stäbchen zu essen, anderes Besteck gibt es hier nämlich nicht. Fast alles ist vegetarisch, bis jetzt gab es einmal winzige Hühnchenstückchen versteckt zwischen viel Fenchel. Sonst immer viel Gemüse: Möhren, Gurken, Blumenkohl, Sojasprossen und viel unidentifizierbares Zeug. (kartoffelähnlich, aber faseriger? Grüne winzige Klumpen?) Sehr salzig, sehr lecker. Aber nichts Süsses! Keine Marmelade zum gekochten Brötchen, kein Nachtisch, nicht mal Früchte. Der Tisch hat eine drehbare Scheibe in der Mitte, alle nehmen sich mit ihren Stäbchen von den Tellern. Der Reis hat zum Glück einen Schöpflöffel. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig war es schon, dass alle ihre abgeschleckten Stäbchen immer wieder in das gemeinsame Essen stecken, aber es fördert die Gruppenzugehörigkeit: Keiner wird alleine krank sein müssen...

 

24.2.2020

Ich habe alle meine Prüfungen bestanden! Eine 6 für das Seminar (Digitalization and the Rebound Effect), 5.25 für Smart Energy, 4.75 für Big Data und 4.75 für Design of Digital Circuits. Damit sind alle Auflagenfächer fristgerecht bestanden und ich darf weiterstudieren. Für das Sommersemester gab es ein bisschen hin und her, da ein paar der Fächer für die ich mich angemeldet hatte nun doch Anwesenheitspflicht hatten, was nicht ganz vereinbar ist mit meinem Aufenthalt in China. Stattdessen gibt es also jetzt das Computational Intelligence Lab, Graph Theory und Digital Signatures. Mal schauen wie das wird!
 
Am Wochenende war es richtig schön warm hier, 17 Grad und sonnig. Fast alle sassen im Innenhof zum Lesen oder Musik hören. Wenn man nicht im Bett unter den Decken bleiben muss, um nicht zu frieren, werden alle gleich viel sozialer. Mir fehlt eine schöne warme Dusche und ein paar Früchte, sonst ist eigentlich alles gut. Die Waschmaschine schafft es nicht ganz, dass meine Kleider wieder frisch riechen, aber ein bisschen besser als vorher ist es trotzdem. Der Abwasserschlauch ist einfach nach einem Meter abgeschnitten, da fließt das seifige Wasser dann halt aus dem Hof direkt in den Fluss. Mit Umweltschutz haben sie es hier insgesamt nicht so sehr: Es gibt einen kleinen Jungen (zwischen vier und sechs Jahren alt) der hier rumläuft, und die Verpackung von allem was er isst lässt er einfach auf den Boden fallen. Und die Eltern finden das völlig okay! Jedenfalls stehen sie daneben und sagen nichts dazu.
 
Ich bin meinem allerersten Tabletop Role-Playing Game beigetreten! Wir treffen uns zwei bis drei Mal die Woche abends, um Legends of the Wulin zu spielen. Ich bin also jetzt "Soaring Swallow", im Blood Wind Cult geboren, aber jetzt den Eagle Talons beigetreten als Bodyguard. Meine Mission ist es den Tod meines Mentors "Gallant Eagle" zu rächen und gleichzeitig das Tournament zu gewinnen, um Bodyguard des Kaisers zu werden. Der Game-Master (Spielleiter?) macht alles super: Jeder Charakter hat seine eigene Musik, und natürlich gibt es auch passende Hintergrundmusik für Spionage in der Nacht beim See oder für den Abend in der Taverne. Außerdem kriegt jeder NPC (Non-Player Character) eine eigene Stimme imitiert, und es gibt natürlich diverse unerwartete Wendungen und Überraschungen in der Handlung. Das ganze ist natürlich Kung Fu-basiert (was denn sonst?), so dass man sich alle möglichen und unmöglichen Kampfszenen ausdenken darf. Hier das Titelbild vom Buch mit den Spielregeln:

Die Turnhalle ist eigentlich nicht schlecht, nur schade dass sie sich nicht die Mühe gemacht haben den Boden flach zu machen bevor sie die Matten draufgelegt haben. Jetzt sind halt überall Höcker und Gruben, wie auf einer normalen Wiese. Ich werde ein bisschen beweglicher, aber jede Art von Spagat liegt immer noch in weiter Ferne. Dafür kann ich jetzt schon auf meiner Brusthöhe treten. Als ich ankam habe ich es nur auf Hüfthöhe geschafft.


Hier alle Waffen, die man hier lernen kann. Natürlich ganz viele Schwerter, Säbel, Dolche und Messer, aber auch Peitsche, Nunchaku, Stäbe, Wurfsterne und sonstiges.

 

5.3.2020

Wir dürfen weiterhin das Schulgelände nicht verlassen, daher geht joggen nur im Kreis im Innenhof und nicht um den See. Mein Eindruck von China bis jetzt besteht aus dem Flughafen, Bahnhof und Schulgelände. Ich habe nicht mal die Umgebung gesehen, da ich im Dunklen angekommen bin und eine drei Meter hohe Mauer das Gelände umgibt. Das Tor ist mit einem riesigen Hängeschloss versehen und wird nur zweimal die Woche geöffnet damit eine Frau auf motorisiertem Dreirad einkaufen fahren kann.

Das Tabletopspiel RPG ist wie der Name sagt am Tisch, man braucht pro Person zehn 10-seitige Würfel. Die Anleitung ist circa 200 Seiten lang, aber man muss nicht alles gelesen haben. Der wichtigste Teil erklärt wie man seinen Charakter erstellt: man verteilt eine vorgegebene Anzahl Punkte auf gewünschte Merkmale, zum Beispiel Kraft, Geschwindigkeit, Charisma, Widerstandsfähigkeit und so. Sonst erklärt das Buch eigentlich nur das Universum in dem man spielt: wichtige politische Kräfte, Fraktionen, bekannte Personen, Geschichte und Geographie. Spielregeln gibt es nur zur Interaktion zwischen Charakteren, das ist hauptsächlich kämpfen oder diskutieren. Der Hauptteil des Spiels besteht daraus, sich gemeinsam eine Geschichte auszudenken indem man seinen Charakter in verschiedenen Situationen reagieren lässt.

Heute kam die Polizei bei uns vorbei. Da das Tor immer verschlossen ist und wir in der Turnhalle waren und das Klopfen nicht gehört haben, musste einer über die Mauer klettern. Dem Gesichtsausdruck nach fand er das nicht so lustig wie wir. Insgesamt waren acht Leute da, den Streifen nach zu urteilen ein Offizier, drei Untergeordnete, ein Schutzanzug-Typ und und drei "Nachbarschaftspolizisten", also Freiwillige.
Wir durften ein Formular ausfüllen mit Name, Wohnort und Passnummer, der Rest wurde dann auf chinesisch vom Lehrer ausgefüllt. Anscheinend habe ich jetzt einen chinesischen Namen (zweite Zeile in Formular in Anhang). Währenddessen wurde das gesamte Schulgelände (inklusive unser Zimmer) durchsucht. Nach versteckten Kranken? Hustenmedizin? Zu vielen gebrauchten Taschentüchern? Keiner weiss es.

Danach wurde Fieber gemessen mit einem Ding im Ohr. Ein kurzer spannender Moment als ich als einzige auch noch unter der Achsel mit einem Thermometer messen musste, anscheinend war die erste Temperatur zu niedrig? Es ist halt kalt hier, vor allem wenn man mitten aus dem Training verschwitzt herausgeholt wird und eine Stunde herumstehen und warten muss...
Das ganze hat über drei Stunden gedauert, wovon die meiste Zeit der Chef am Tisch saß und unsere Formulare angeschaut hat und die Unterlinge hinter ihm standen und interessiere Geräusche gemacht haben. Am Nachmittag kamen sie gleich nochmal, diesmal nur zu viert, und brauchten auch nur eine halbe Stunde, um bei sieben Personen Fieber zu messen.
Da der Lehrer nur wenig Englisch kann hat eine Übersetzungsapp uns dann erklärt, dass die nächsten 14 Tage chinesische Regierungsbeamte zwei mal pro Tag vorbeikommen und Fieber messen werden. Übrigens nur bei uns bösen Ausländern, nicht bei den Chinesen die hier wohnen...

 

12.3.2020

Hier geht das Leben langsam wieder los: Busse Richtung Stadt fahren wieder, wenn auch nur alle Stunde statt alle zehn Minuten. Mal sehen ob wir dieses Wochenende raus dürfen.

Ich glaube das Fiebermessen war nur ein Vorwand der Polizei damit die ganze Station einmal Ausländer begutachten kann. Die ersten zwei Tage sind immer 6 - 8 neue Leute gekommen: einer im Schutzanzug mit Thermometer, einer der die Werte aufschreibt, und alle anderen, um Fotos von uns zu machen. Die haben wirklich ihre Handys gezückt und Selfies mit uns gemacht! Ab dem Wochenende wurde es wahrscheinlich langweilig, jedes mal kamen weniger, zum Schluss nur noch zwei und heute gar keine mehr.

Hier ist der Frühling angekommen, ein paar Bäume blühen (Pflaumen, wenn ich es richtig verstanden habe) und überall kommen neue Blätter zum Vorschein. Noch dazu wird es immer wärmer, ab nächster Woche über zwanzig Grad und sonnig. Es ist super, in der Mittagspause liege ich nicht mehr unter allen Decken im Bett, sondern in der Sonne im Garten.

Alles von der ETH ignoriere ich soweit es geht, das muss ich dann halt später nachholen. Anscheinend fangen sie an die Vorlesungen privat als Video aufzunehmen und dann einen Tag nach Veröffentlichung online eine Frage-Antwort-Stunde zu halten, damit man keine Ansteckungsgefahr mehr hat. Das wäre eigentlich super für mich, um von hier aus zu mitzumachen, aber es ist so schön einfach mal nichts zu lernen...

Vor ein paar Tagen sind zwei Welpen aufgetaucht, seitdem findet man immer mal wieder Leute am Boden hocken, um sie anzulocken. Der grössere Hund ist ein bisschen eifersüchtig und drängelt sich gerne dazwischen, damit er auch genug gestreichelt wird.

Inzwischen fehlen mir zum Spagat nur noch ca 25 Zentimeter, und die Brücke klappt auch schon ziemlich gut. Ausserdem bin ich das erste Mal seit Mitte 2018 offiziell nicht mehr übergewichtig!

 

24.3.2020

Der Frühling ist endgültig angekommen: Überall blüht es und wird grün. Im Innenhof gibt es einen Busch der komplett mit pinken Blüten bedeckt ist, aber ich habe keine Ahnung was das für eine Pflanze ist. Das Wetter war eigentlich schon sommerlich in letzter Zeit, 20 bis 27 Grad und sonnig. Ab Morgen soll es wieder abkühlen, aber nur auf 15 Grad, also ist das große Frieren für mich anscheinend endgültig vorbei.

In die Stadt dürfen wir immer noch nicht, obwohl die allgemeine Quarantäne eigentlich aufgehoben ist. Wenn ich die Erklärung richtig verstanden habe liegt es daran, dass falls einer von uns Ausländern krank würde, der Lehrer ins Gefängnis müsste, weil er für uns verantwortlich ist. Ich habe mich entschieden noch (mindestens) einen Monat länger hier zu bleiben. Quarantäne in der Wohnung zuhause mit einem arbeitenden Björn klingt eher langweilig verglichen mit Quarantäne neben einem Fluss in einem hübschem Garten mit netten Leuten und ganz viel Sport. Abends sitze ich oft am Wasser und lese oder schaue nach Vögeln. Bis jetzt habe ich meine Ferien genossen und gar nichts für die Uni getan, aber ab April schau ich dann mal wie ich hier am besten lernen kann. Es gibt einen Tisch im Esszimmer wo aber kein WiFi ist, und einen Ping-Pong Tisch im Hof mit WiFi. Beides nicht ganz ideal, aber die Alternative ist im Bett zu sitzen...

 

4.4.2020

Freiheit! Gestern durften wir in die Stadt! Das erste Mal seit meiner Ankunft Mitte Februar dass ich außerhalb des Schulgeländes war. Tengzhou ist ungefähr 25 Kilometer entfernt von hier, mit dem Bus mit Umsteigen in etwas mehr als einer Stunde erreichbar. Der Lehrer hat uns allerdings mit dem Auto hingefahren, er ist immer noch besorgt, dass wir uns anstecken.

Wenn ich meinen Eindruck von China mit einem Wort beschreiben müsste, wäre das "Kontrast". Man fährt auf einer riesigen Autobahn, drei Spuren pro Richtung und frisch asphaltiert, während direkt am Rand ein uralter Mann mit einer Sense Gras mäht und auf sein verrostetes Fahrrad bindet. In der Stadt gibt es Läden wo man nur noch kontaktlos mit Handy oder Smartwatch bezahlen kann, Karten nehmen sie nicht und Bargeld sowieso nicht. Gleichzeitig stehen auf dem Gehweg überall Wägelchen mit Streetfood, die aussehen als ob sie im letzten Jahrzehnt nicht mehr geputzt oder repariert wurden. Die Gebäude in der Stadtmitte sind riesige Hochhäuser aus Glas und glänzendem Metall, aber etwas weiter am Stadtrand leben Leute in Wellblechhütten. Es ist völlig normal, dass Kinder (Jungen und Mädchen) einfach in der Mitte vom Gehweg oder Markt die Hose runterziehen, um zu pinkeln.

Die Landschaft sieht toll aus: Es ist Frühling und alles blüht. Raps und Magnolien kannte ich schon, jetzt weiß ich dank Edelgard auch dass der pinke Busch Chinesischer Judasbaum heisst. Dann gibt es auch noch Bäume mit dunkelroten Blättern, das Internet sagt, dass es eine Art Ahorn ist?

Jeder Zentimeter Fläche wird für irgendetwas genutzt. Ein knapper Meter zwischen Straßenende und Hausbeginn? Raps! Ein halber Quadratmeter zwischen der Tür  und dem Parkplatz? Zwiebeln! Die winzige Ecke zwischen Haus und Gartenmauer ist zu dunkel für Pflanzen? Hühner stört das nicht. Es gibt nie einen Grasrand oder so zwischen einem Feld und der Strasse, es wird einfach so weit wie möglich angebaut. In den "Wäldern" sind alle Bäume gleich weit von einander entfernt in einem Gittermuster angepflanzt.

Ganz viele Menschen sind mit Elektro-Scootern unterwegs, teilweise zu viert (Mama, Papa, Kind, Säugling) und natürlich alle ohne Helm. Blinker benutzt keiner. Wenn man wartet bis jemand hält, um die Strasse zu überqueren, kann man alt werden, also läuft man langsam aber zielstrebig los und hofft, dass alle anderen drum herum fahren.

Es gibt SO VIEL Plastik hier! In Kekspackungen ist jeder Keks einzeln verpackt, dann in einem Plastikeinsatz gestapelt und nochmal insgesamt in Plastik eingeschweißt. Eine chinesische Variante von Chips sind kleine Würfel aus gepufftem Quinoa. Natürlich muss in der Chipstüte jeder Würfel noch separat in eine Plastikfolie gewickelt sein. Wenn man zum Bäcker geht, kommt jedes Gebäck in eine eigene Plastiktüte, dann gemeinsam in eine grössere Tüte. Einen Kaffee kriegt man zwar in einem Pappbecher, aber man kann den Plastikdeckel dazu nicht verweigen, und den Strohhalm auch nicht. Wer trinkt seinen Kaffee mit Strohhalm?! Der Becher kommt in eine kleine Plastiktüte mit Henkeln, die man aber nie brauchen wird, denn danach wird alles zusammen in einen noch größeren Plastiksack gestopft. Also für ein Croissant, einen Donut und einen Kaffee insgesamt fünf Plastiktüten...

Croissants darf man übrigens nicht einzeln kaufen, sondern nur als Gruppe von fünf. Wenn man mit der Übersetzungsapp versucht zu erklären, dass man aber nur zwei möchte und dafür auch gerne den Preis von fünf Stück zahlt ist das trotzdem nicht erlaubt. Ein einziges Café hatte englische Übersetzungen im Menü, die dann aber teilweise recht abenteuerlich waren. In der Kategorie "Hot Drinks" gab es einen Eintrag namens "And Your Sweet Potatoes". Ich habe mich nicht getraut es einfach auszupropieren.

Beim Einkaufen im Supermarkt, wo es Unmengen an Mangos gibt, war ich so überwältigt von allen Eindrücken, dass ich prompt meine Einkaufsliste vergessen habe. Statt mit Kaffee, Klopapier und Waschmittel bin ich mit einer einzelnen Dose Cola, ein paar Äpfeln und einer Packung Schokokekse herausgekommen. Nächste Woche schreibe ich mir auf was ich brauche.

 

 

 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.